{"id":732,"date":"2015-08-26T21:42:43","date_gmt":"2015-08-26T19:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/?page_id=732"},"modified":"2022-02-13T19:13:22","modified_gmt":"2022-02-13T17:13:22","slug":"fachaufsatz-italiens-geister","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/?page_id=732","title":{"rendered":"Fachaufsatz: Italiens Geister"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Spirit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1081\" alt=\"Spirit\" src=\"http:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Spirit-225x300.jpg\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Spirit-225x300.jpg 225w, https:\/\/annekatrinpuhle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Spirit.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p><b><b><b>Annekatrin Puhle:&nbsp;<\/b><\/b>Italiens Geister<\/b><\/p>\n<p>(Deutsche \u00dcbersetzung des Vorwortes zur italienischen Ausgabe des Buches: &#8220;Das Lexikon der Geister&#8221;)<b><\/b><\/p>\n<p>In: <i>Grenzgebiete der Wissenschaft<\/i>, 57 \u2013 2008 -1, S. 53-75<\/p>\n<p>Innsbruck: Resch<\/p>\n<p>(Deutsche Fassung von \u201cPremessa all\u2019 edizione italia: Gli Spiriti D\u2019Italia\u201d in der italienischen Ausgabe von Annekatrin Puhles Buch \u201cDas Lexikon der Geister\u201d: Il Libro degli Spirit. Milano: Armenia, 2005. S. 25-40)<\/p>\n<p>\u201c<i>Man mu\u00df nur in die Fremde gehen, um das Gute kennen zu lernen, was man zu Hause besitzt.<\/i>\u201d<\/p>\n<p>(Goethe, <i>Goethes Briefe<\/i>, An Franz Kirms, Frankfurt am 24. August 1797, Brief Nr.3638. WA, 4.Abt., Bd.12, S.258)<\/p>\n<p>\u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af<\/p>\n<p>Wir begeben uns nun in ein Land, das wohl auf immer mit &gt; Goethe, dem Dichter des Geisterwerkes <i>&gt; Faust<\/i>, verbunden sein wird. Der an allem Mystischen interessierte Denker hatte seinen Aufenthalt in Rom w\u00e4hrend seiner <i>Italienischen Reise<\/i> nicht auf eigene Initiative beendet \u2013 es bedurfte eines \u201cWinkes h\u00f6herer D\u00e4monen\u201d, um ihn zur Abreise aus dem geliebten Land, in dem er so sch\u00f6ne Dinge wie die &gt; Nymphe Eregia besuchen konnte, zu bewegen (Seiling 1988, S.15). Kein Wunder, ist doch Italien, das Land der sch\u00f6nen K\u00fcnste, auch das Land, das unter den Industriel\u00e4ndern gemeinsam mit den U.S.A. an der Spitze steht, wenn es um paranormale Erlebnisse geht. Stattliche 60 Prozent der im Rahmen einer multinationalen<i> <\/i>Studie<i> <\/i>(<i>Human Values Study<\/i>) befragten Italienerinnen und Italiener haben etwas von eigenen paranormalen Erfahrungen zu berichten (Haraldsson und Houtkooper 1991, S.151), w\u00e4hrend 33 Prozent sogar Kontakte mit Verstorbenen aufgenommen haben (Haraldsson 1985, S.155). Italien geh\u00f6rt ferner mit Grossbritannien und Deutschland zu den L\u00e4ndern Europas, deren Geschichte uns reichlich mit Literatur \u00fcber Geistererscheinungen bedacht hat (vgl. Puhle 2004f und 2005), und d\u00fcrfte an erster Stelle stehen, wenn wir die Schriften \u00fcber &gt; Engel und Heilige einbeziehen.<\/p>\n<p>Abbildung 1 (Bild-Nr.315, beim Verlag) Raffaello Santi (wahrscheinlich 6.4.1483-6.4.1520): Merkur reicht Psyche die Schale mit dem Trank der Unsterblichkeit. 1517\/18. R\u00f6tel. Pinakothek, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Unternehmen wir nun eine Zeitreise durch das alte und neue Italien und machen an einigen markanten Stellen in der Geschichte der Geistererscheinungen halt. Die alte r\u00f6mische Religion, die noch ganz unbeeinflusst von der christlichen Kirche war, kannte entsprechend den griechischen Vorstellungen einen reich mit G\u00f6ttern bev\u00f6lkerten Himmel, so auch die seit 217 v.Chr. belegte Zw\u00f6lfg\u00f6tter-Gruppe (Livius, <i>ab urbe condita<\/i>, 22, 10, 9) mit Iuno (griech. Hera; siehe auch: &gt; Hades), Neptun (griech. Poseidon; siehe auch: &gt; Hades), Minerva (griech. Athena), Mars (griech. Ares; siehe auch: &gt; Zeus), Venus (griech. Aphrodite; siehe auch: &gt; Adonis, &gt; Zeus), Apollo (griech. &gt; Apollon), Diana (griech. &gt; Artemis), Vulcan (griech. Hephaistos; siehe auch: &gt; Pandora, &gt; Zeus), Vesta (griech. Hestia; siehe auch: &gt; Hades), Merkur (griech. Hermes; siehe auch: &gt; Pan, &gt; Totengeleiter, &gt; Zeus) und Ceres (griech. &gt; Demeter) \u2013 alle unter dem Vorstand des h\u00f6chsten Gottes Jupiter (griech. &gt; Zeus). Eine eigene Lehre von den g\u00f6ttlich-d\u00e4monischen Wesen (&gt; D\u00e4monologie), die das Reich zwischen Himmel und Erde bzw. die &gt; Unterwelt bev\u00f6lkerten, hatten die R\u00f6mer nicht entwickelt, auch wenn sie viele &gt; D\u00e4monen und Geistwesen kannten, gute wie b\u00f6se Geister, sch\u00fctzende Totengeister wie spukende Gespenster (&gt; Totend\u00e4monen). Zu Letzteren geh\u00f6rten etwa die umgehenden Seelen verstorbener Menschen (&gt; Geister von Verstorbenen), die zu Lebzeiten B\u00f6ses angerichtet hatten und zur Strafe keine Ruhe finden durften. Neben Bezeichnungen f\u00fcr Erscheinungen wie <i>ostenta<\/i> (Zeichen, Vorzeichen, Himmelserscheinungen), <i>visa<\/i> (Gesichte) und dem allgemeinen Begriff <i>umbrae (<\/i>Schatten), kennt das Lateinische verschiedene spezifische Namen f\u00fcr Geisterarten wie die &gt; Larven (<i>larvae<\/i>), &gt; Lemuren (<i>lemures<\/i>), &gt; Laren (lares), &gt; Manen (<i>manes<\/i>) und die &gt; Penaten (penates) (s.a. Puhle 2005, Bd.3, Kap.VIII.1).<\/p>\n<p>Zu der unerfreulichen Kategorie von Geistern z\u00e4hlen die Larven und Lemuren. Erstere galten als so gef\u00e4hrlich, dass sie einen Menschen um den Verstand bringen konnten \u2013 man nannte den Armen dann einen \u201clarvatum\u201d, einen Verhexten oder Besessenen. Unheilvoll waren auch die Lemuren, die ungl\u00fccklichen Seelen von zu fr\u00fch verstorbenen oder durch einen Gewaltakt umgekommenen Menschen. An drei Tagen im Jahr, am 9., 11. und 13. Mai, war es diesen unseligen Geistern gestattet, aus der Unterwelt zur\u00fcck in ihre H\u00e4user zu kehren \u2013 weshalb man sich in dieser Zeit vor ihnen sch\u00fctzen musste und das Fest der Lemuria oder Lemuralia veranstaltete.<\/p>\n<p>Manen heissen die Seelen von Verstorbenen, die nach \u00e4lterer Deutung gut sind (RE), nach sp\u00e4tantiker Auffassung jedoch weder als gut noch als b\u00f6se eingestuft werden k\u00f6nnen und als neutral gelten. Apuleius nennt die Manen G\u00f6tter (<i>di manes<\/i>) \u2013 sie sind die wegen guter Lebensf\u00fchrung zu G\u00f6ttern gewordenen Seelen der Verstorbenen (<i>de deo Socratis<\/i> 15, 152).<\/p>\n<p>Eindeutig gute Geister waren die Laren und die Penaten. In ein r\u00f6misches Haus geh\u00f6rte ein Laren-Altar, ein Herd, um den sich alle Familienmitglieder zum Essen versammelen konnten und an dem man den Geistern Speise und Trank, etwa Honigwaben und Wein, opferte \u2013 nach jeder Geburt allerdings ein junges Tier, meist ein Ferkel oder Lamm. Man sandte auch Weihrauch in die L\u00fcfte.<\/p>\n<p>Die guten und ebenfalls verehrten Penaten (<i>penates<\/i>) waren Besch\u00fctzer von Haus und Heimat. Mussten die Bewohner in einer Notsituation ihr Haus verlassen, so folgten sie ihnen nach. Auch der Staat hatte seinen eigenen Schutzgeister, die \u201c\u00f6ffentlichen Penaten\u201d (<i>publici penates<\/i>).<\/p>\n<p>Von den G\u00f6ttern und D\u00e4monen ist es nur ein Schritt zu den Menschen, denen \u201c\u00dcbermenschliches\u201d anhaftet. Zu diesen be-geist-erten Menschen geh\u00f6rten etwa weise Frauen, die \u201csehen\u201d konnten und den Werdegang der Dinge, das Schicksal (<i>fatum<\/i>), voraussahen und bestimmten wie die <i>&gt; <\/i>Parzen<i> <\/i>(<i>parcae<\/i>) oder die &gt; Fatae.<i> Strigae<\/i> war der Name f\u00fcr alte, zauberkundige Frauen, quasi Hexen, \u00e4hnlich den griechischen &gt; Lamien (siehe auch &gt; Befana), von denen man glaubte, sie fl\u00f6gen in Vogelgestalt umher und griffen die Menschen an. Magische und seherische K\u00fcnste geh\u00f6ren zusammen, und im alten Rom war auch Magie kein unbeschriebenes Blatt. So soll etwa der Nachfolger von Romulus, Numa Pompilius, mit seinen Zauberkr\u00e4ften die G\u00f6tter gezwungen haben, f\u00fcr ihn sichtbar zu werden. Um 450 v.Chr. verboten dann die Zw\u00f6lftafelgesetze die Anwendung magischer Praktiken wie etwa zum Zweck des Herbeizauberns des Getreides von den Feldern der Nachbarn. Dagegen geh\u00f6rte es sehr wohl zum guten Ton, sich in den K\u00fcnsten der Wahrsagerei auszukennen, und zwar in erster Linie im Deuten des Vogelflugs. Der Staat hatte seine eigens daf\u00fcr eingestellten Beamten, die &gt; Auguren, w\u00f6rtlich \u201cVogelm\u00e4nner\u201d, also Vogeldeuter, die den Willen der G\u00f6tter aus dem Geschrei der V\u00f6gel (Raben, Eulen usw.) oder ihrer Flugbahn (Adler) herauslesen sollten (Lehmann 1925, S.73f). Die <i>Augures<\/i> geh\u00f6ren zu der gr\u00f6sseren Gruppe der Seher, lat. <i>vates<\/i>. Sie alle verk\u00fcndeten ihre Weissagungen (<i>vaticinationes<\/i>) durch g\u00f6ttliche Inspiration, und neben den allgemeinen Weissagern geh\u00f6rten auch die Sibyllen, Propheten, Astrologen und Traumdeuter zu den Sehern. Der Begriff <i>vates<\/i> war nach Varro (<i>ling<\/i>. 7, 36) eine Bezeichnung f\u00fcr den Dichter (<i>poeta<\/i>). Der Geist des Dichters wird ergriffen, besessen \u2013 er weiss \u201cvom Flechten der Gedichte bzw. Lieder\u201d (<i>a viendis carminibus<\/i>) (Isidor, <i>orig<\/i>. 8,7,3). Der Seher ist also ein g\u00f6ttlich inspirierter, prophetischer K\u00fcnder und S\u00e4nger. \u00dcberliefert sind etwa die Namen der Seher Publicius (Cicero, <i>de divinatione<\/i> I, 115; 2, 113) und Marcius (Cicero, <i>de divinatione<\/i> I, 89, 113; Plinius der \u00c4ltere, <i>nat.hist<\/i>. I,VII, XXXIII), und wahrscheinlich war auch der Bruder des Lezteren aus dem fr\u00fchen 3.Jh.v.Chr. ein Seher. Ihre Weissagungen, die <i>carmina Marciana<\/i> (Marcianischen Ges\u00e4nge), haben 212 v.Chr. zur Einrichtung der <i>ludi Appollinares<\/i>, der \u201cappollinischen Spiele\u201d, gef\u00fchrt, die wiederum in die Sibyllinischen B\u00fccher (<i>Sibyllini libri<\/i>) eingegangen sind. Eine unersch\u00f6pfliche Quelle f\u00fcr die Kenntnis \u00fcber die Weisssagekunst ist das Buch<i> de divinatione <\/i>von Cicero (3.1.106 v.Chr.-7.12.43 v.Chr.).<\/p>\n<p>Reichte die Kunst der Seher einmal nicht aus, so hatte der r\u00f6mische Staat noch etwas Besonderes in Reserve, um die Wahrheit vorab zu erfahren, n\u00e4mlich die besagten neun in Griechisch verfassten und auf Palmbl\u00e4tter geschriebenen Sibyllinischen B\u00fccher, die der K\u00f6nig Tarquinius Superbus g\u00fcnstig erstanden hatte, und die nun im Jupiter-Tempel auf dem Capitol bis zu dem Brand um 400 n.Chr. aufbewahrt wurden. Ihr Inhalt war eine Sammlung von immer g\u00fcltigen Orakelspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Keine vierzig Jahre nach Cicero wurde Vergil geboren (15.10.70 v.Chr.-21.9.19 v.Chr.), der weise r\u00f6mische Dichter, von dem uns die <i>Aeneis<\/i> erhalten ist. Sie enth\u00e4lt die wohl \u00e4lteste r\u00f6mische Beschreibung einer Geistererscheinung und erz\u00e4hlt von dem Helden Aeneas, der in \u201cdes Tartarus Dunkel\u201d, in die Unterwelt, hinabzusteigen wagt und dort seinen verstorbenen Freundes Miseunus erblickt. Um dorthin zu gelangen, muss der Held die strikten Anweisungen der Sibylla befolgen: Er soll als Ehrengeschenk f\u00fcr die Unterweltg\u00f6ttin &gt; Proserpina einen geheimnisvollen, in einem schattigen, wilden Hain verborgenen Baum aufsuchen, der einen goldenen Zweig mit goldenen Bl\u00e4ttern tr\u00e4gt, und \u201cdes Baums goldlaubigen Sch\u00f6\u00dfling\u201d mit der Hand abbrechen. Dann soll er seinem Freund \u201cein ruhiges Grabmal\u201d setzen, um seiner Seele Frieden zu schenken \u2013 denn die ausgebliebene oder unangemessene Bestattung von Toten gilt seit Jahrtausenden als einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr das Umgehen und Spuken von Geistern. Aeneas jedoch erf\u00fcllt die ihm gestellten Bedingungen, und noch heute hei\u00dft die Stelle, an der er seinen Freund Misenus bestattete, <i>Punta di Miseno,<\/i> Kap Misenum (Vergil 1920, 133-235).<\/p>\n<p>Im ersten Jahrhundert nach Christus er\u00f6ffnet uns der stoische Philosoph Seneca (ca. 4 v.Chr.-April 65 n.Chr.) den heute wieder sehr vertrauten Gedanken, dass wir nach Gott nicht in der \u00e4usseren, oberen Welt zu suchen brauchen, sondern dass dieser h\u00f6chste Geist in der Tat in uns selbst wohnt und t\u00e4tig ist. So schreibt er an Lucilius: \u201cGott ist nahe bei dir, er ist mit dir, er ist in dir\u201d (<i>prope est a te deus, tesum est, intus est<\/i>) (Seneca, <i>Epist. mor.<\/i> LXI, 1). Dieser innere Gott ist der Beobachter (<i>observator<\/i>) unserer guten wie schlechten Taten und unser Besch\u00fctzer (<i>custos<\/i>) (LXI, 2). Seneca steht damit in einer langen Reihe antiker Denker, die die Erfahrung eines solchen pers\u00f6nlichen Schutzgeistes gemacht haben und die bis auf Sokrates zur\u00fcckreicht (s. Puhle 2005, Bd.1, Kap.II, 3; Bd.2, Kap.III, 4). Unsere Seele, die eine \u201cgrossartige Sache\u201d (<i>res<\/i> <i>grandiosa<\/i>) sei, k\u00f6nne die Gegenwart der Gottheit in der Natur unmittelbar sp\u00fcren, etwa im dichten Schatten eines von der Welt abgeschlossenen Haines voller ungew\u00f6hnlich hoher B\u00e4ume, aber auch in einem Menschen, der in Gefahr stets die Ruhe bewahrt oder in einer Person, die nicht von W\u00fcnschen drangsaliert wird.<\/p>\n<p>Etwa gleichzeitig mit Seneca, auch um Christi Geburt, wurde Apollonius von Tyana geboren (ca. 3 v.Chr.), eine der ungew\u00f6hnlichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Antike, sofern nur etwas von dem, was \u00fcber ihn berichtet wird, zutrifft. Er war ausgebildeter Rethoriker, Philosoph und Astrologe, doch vor allem das, was man einen Zauberer, einen <i>Magos<\/i> nennt. Seine \u2018magischen\u2019 Taten, zu denen &gt; Bilokation, d.h. die M\u00f6glichkeit, an zwei Orten gleichzeitig sichtbar zu sein (s.u. Franz von Assisi, Antonius von Padua, Padre Pio), dann die Auferweckung einer Toten sowie D\u00e4monenaustreibungen geh\u00f6rten, hatten ihm den Ruf, im Besitz \u00fcbermenschlicher F\u00e4higkeiten zu sein, eingehandelt. Der weitgereiste Philosoph, der Babylon, Indien, \u00c4thiopien und Spanien gesehen hatte, besuchte auch zweimal Italien, wo er von Nero Tigellinus sofort verh\u00f6rt und unter Domitian ins Gef\u00e4ngnis gesteckt wurde, um dann noch einmal vom Kaiser verh\u00f6rt zu werden \u2013 doch diesmal verschwand Apollonius auf unerkl\u00e4rte Weise aus dem Gerichtssaal (&gt; Astralreise). Die Ermordung Domitians soll er in einer Vision vorausgeschaut haben Dio Cassius, 67, 17). Der Anh\u00e4nger von Pythagoras, dessen Lehre und vegetarische Lebensweise er vertrat und umsetzte, wurde auch mit Moses, Jesus und Hermes Trismegistos gleichgesetzt (RE, Bd.2, Sp.146ff). Eine nicht zu leugende Tatsache jedoch bleibt sein Anspruch: \u201cEr r\u00fchmte sich der genauesten Verbindung mit der Geister= D\u00e4monen= und G\u00f6tterwelt\u201d (Horst 1830, Bd.2, S.11). Eine Unterhaltung mit dem Schatten eines Verstorbenen geh\u00f6rte auch zu seinen Taten (s. Puhle 2005, Bd.3, Kap.VIII, 1).<\/p>\n<p>Ebenfalls in das erste Jahrhundert geh\u00f6ren zwei r\u00f6mische Autoren, von denen wir Erstaunliches lernen. Der erste, Plinius der \u00c4ltere aus Como (23\/24-79), ist der Verfasser der volumin\u00f6sen wie ber\u00fchmten<i> Naturkunde<\/i>, in der viel Wissenswertes wie Geheinmnisvolles berichtet wird, so vom harmonischen Abstand der Planeten (<i>nat.hist<\/i>., Buch II, 20), von der Intelligenz der &gt; Delphine (<i>nat. hist.<\/i>, Buch IX, 7-10), vom Ursprung der Magie (<i>nat.hist<\/i>., Buch XXX, 1-6) und nat\u00fcrlich auch von Geistern, etwa den Tritonen (&gt; Triton) und &gt; Nereiden (<i>nat.hist<\/i>., Buch IX, 4), und vor allem auch von den verschiedenen Meinungen, die zu seiner Zeit \u00fcber die Geister von Verstorbenen kursierten (<i>nat.hist<\/i>., Buch VII, 55f).<\/p>\n<p>Der \u00e4lteste ausf\u00fchrlich beschriebene Bericht einer Geistererscheinung stammt wohl aus einem Brief, den Plinius der J\u00fcngere (61\/62-ca.113), ein Neffe und Adoptivsohn des eben erw\u00e4hnten Plinius, an Sura gerichtet hatte. Plinius der J\u00fcngere erz\u00e4hlt ihm von einem Spukhaus in Athen, das so verrufen war, dass es keiner Mieter mehr fand, obwohl es zu einem Spottpreis angeboten wurde. Seine fr\u00fcheren Bewohner sollen nicht nur schreckliche, schlaflose N\u00e4chte dort verbracht haben, sondern dabei auch noch erkrankt sein und sogar vor Angst tats\u00e4chlich gestorben sein. Es bedurfte schon eines beherzten Philosophen, der es wagte, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, und das war der wohl aus der N\u00e4he von Tarsos stammende Stoiker Athenodoros, ein Freund und Lehrer des Kaisers Augustus. Er mietete sich in dem Geisterhaus ein und erwartete gefasst den n\u00e4chtlichen St\u00f6renfried, der dann auch prompt zu sp\u00e4ter Stunde erschien:<\/p>\n<p>Anfangs, wie \u00fcberall, stille Nacht; dann Klirren von Eisen, Rasseln von Ketten; er [Athenodoros] \u00f6ffnet nicht die Augen [er blickt nicht hoch], legt den Schreibgriffel nicht beiseite, sondern fa\u00dft sich ein Herz und verwahrt sich gegen die Eindr\u00fccke des Geh\u00f6rs. Jetzt wird das Prasseln st\u00e4rker, kommt n\u00e4her, jetzt scheint es auf der Schwelle, jetzt im Zimmer zu sein; er schaut hin, sieht und erkennt die beschriebene Gestalt. Sie stand da und winkte mit dem Finger, als wollte sie ihn rufen; er gibt seinerseits ein Zeichen mit der Hand, einen Augenblick zu warten, und f\u00e4hrt fort zu schreiben; und beim Schreiben sch\u00fcttelt sie die Ketten \u00fcber seinem Kopf; er blickt auf, und sie winkt wieder wie vorher, nun z\u00f6gert er nicht l\u00e4nger, nimmt das Licht und folgt ihr. Sie ging langsamen Schrittes, wie von Ketten beschwert; als sie in den Vorhof des Hauses gekommen war, verschwand sie pl\u00f6tzlich und lie\u00df ihren Begleiter zur\u00fcck. (Plinius der J\u00fcngere 1930, 7. Buch, Brief Nr.27, S.237-240.)<i>&nbsp;<\/i><\/p>\n<p>Athenodoros markierte die Stelle, wo der Geist eben noch zu sehen war, und veranlasste, dass man dort nachgrub. In der Tat kamen die Reste eines verwesten Leichnams in Ketten zum Vorschein. Doch mit der rechten Bestattung nahm auch dieser Spuk sein gl\u00fcckliches Ende (s. Puhle 2005, Bd.3, Kap.VIII).<i>&nbsp;<\/i><\/p>\n<p>Noch bei weiteren geistigen Kapazit\u00e4ten aus dem 1.Jh. wie dem r\u00f6mischen Schriftsteller Suetonius (70- ca.130) und dem r\u00f6mischen Geschichtsschreiber und Verfasser der wertvollen Quelle <i>Germania<\/i>, Cornelius Tacitus (55-116), k\u00f6nnen wir einen Glauben an die Existenz von Geistern voraussetzen.<\/p>\n<p>Kein R\u00f6mer war Plotin (205-270), doch lehrte der Grieche viele Jahre in Rom Philosophie (ab 244). Der Weise, der sich selbst in den Schatten der \u201cAlten Weisen\u201d stellte, deren Wissen er \u00fcberlieferte, griff auf Pythagoras und Platon zur\u00fcck und begr\u00fcndete die neuplatonische Philosophie. Zu den Themen seiner Schriften geh\u00f6rten u.v.a. <i>Die Unsterblichkeit der Seele<\/i> (Bd.I, 1956), <i>Der Daimon, der uns erloste<\/i> (Bd.I 1956) und <i>Die erkennenden Wesenheiten und das Jenseitige<\/i> (Bd.V 1960). Nach seiner Lehre stehen zwischen den G\u00f6ttern und den Menschen bzw. den Seelen die D\u00e4monen \u2013 G\u00f6tter, D\u00e4monen, Seelen (Bd.III 1964, 2, 3, 24; 11, 7). Die menschliche Seele nun kommt vom Geist her und folgt ihm auch (Bd.VI 1971, 2, 21, 58; 22, 21), sie ist das Abbild des Geistes (Bd.V 1960, 1, 7, 37) und kann sich vom K\u00f6rper l\u00f6sen (Bd.IV 1967, 3, 4, 21). Plotin spricht weiter von der M\u00f6glichkeit, dass der Mensch selbst ein D\u00e4mon, ein Gott werden k\u00f6nne (Bd.I 1956, 2, 6, 2; VI 7, 6, 24ff) \u2013 ein Gedanke, der bis heute popul\u00e4r ist und im Kern schon aus Indien bekannt ist, wo er nach wie vor von vielen Gurus gelehrt wird. Ein wichtiger Hauptsatz von Plotins Lehre ist, dass die Seele frei von kosmischen Gesetzen und Zw\u00e4ngen werden kann, wenn sie sich immer aufrichtig um das Gute bem\u00fcht (Bd.VI 1971, 7, 1; 4, 15). Ein freier Mensch kann dann auch nicht mehr verzaubert werden (Bd.IV 1976, 43, 2; 44, 1) Aus dem Leben des Weisen werden viele Geister-Anekdoten berichtet (s. Puhle 2005, Bd.3, Kap.VIII.1).<\/p>\n<p>Ein anderer Neuplatoniker, Jamblichos (wahrscheinlich von 240-325), ein Sch\u00fcler des Plotin-Biographen Porphyrios, entwickelte etwas sp\u00e4ter eine regelrechte D\u00e4monenlehre (&gt; D\u00e4monologie).<\/p>\n<p>Werfen wir nun einen Blick in die christliche Tradition Italiens, zu dem Kirchenlehrer und BischofAugustinus (13.11.354-28.8.430). Der Heilige, der aus Tagaste in Nordafrika stammt, berichtet in seinem Werk <i>\u00dcber den Gottesstaat<\/i> (<i>De Civitate Dei<\/i>) vielerlei geisterhafte Begebenheiten, so etwa den Fall einer Geistererscheinung bei einer \u201cglaubw\u00fcrdigen\u201d Person (<i>Civ. dei<\/i>, XVIII, 18). Diese erh\u00e4lt eines Abends vor dem Schlafengehen einen Besuch von einem ihr bekannten Gelehrten, der ihr einige Fragen zu Platons Philosophie auseinanderlegt und beantwortet, Fragen, auf die er sich bei einer fr\u00fcheren Gegelenheit nicht einlassen wollte. Wie sp\u00e4ter herauskommt, hat eben dieser Bekannte in derselben Nacht getr\u00e4umt, der besagten Person einen Besuch abzustatten (s.a. Dodds, in Bender 1976, S.24).<\/p>\n<p>Mit dem hl. Franz von Assisi (1181\/82-3.10.1226), dem Besch\u00fctzer der Tiere und Pflanzen, begegnen wir dem provokativen Ph\u00e4nomen der &gt; Levitation (s.u. Katharina von Siena, Joseph von Copertino und Padre Pio), dem Schweben oder Fliegen des K\u00f6rpers, das im Gegensatz zur &gt; Astralreise oder Seelenreise jedoch keine Trennung von K\u00f6rper und Seele bedeutet \u2013 darauf weist schon die hl Katharina von Siena (s.u.) hin. Von Franziskus \u00fcberliefert uns Thomas de Celano (verstorben 1260) in seiner Biographie (Bd.3 1925) von mehreren Levitationen und auch einen Vorfall, der m\u00f6glicherweise auf Bilokation (s.o. Apollonius von Tyana, s.u. Padre Pio) hinweist. So soll der Heilige im Jahr 1224 zur selben Zeit auf dem Berg Alverna gesessen haben und in Arelato gesehen worden sein (Bonin 1981, S.186).<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr die F\u00e4higkeit der Bilokation mag der hl. Antonius von Padua (1195-13.6.1231), der in Lissabon geborene Franziskaner und Kirchenlehrer, gewesen sein, der wie Franziskus auch Wunder im Zusammenhang mit Tieren vollbracht haben soll (Bonin 1981, S.30).<\/p>\n<p>Der Kirchenlehrer Thomas von Aquino (1227-1274), \u201cDoctor Angelicus\u201d, lehrte von der Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit der Hexerei und teuflischen Magie. Er schrieb den D\u00e4monen gr\u00f6ssere Macht zu, als die Kirche es bis dahin getan hatte. Der katholische Glaube nun ging davon aus, dass D\u00e4monen existierten und das Leben der Menschen negativ beeinflussen k\u00f6nnten und z.B. die Fruchtbarkeit eines Paares blockieren k\u00f6nnten, und Thomas geht noch weiter und behauptete, dass die D\u00e4monen mit Gottes Erlaubnis St\u00f6rungen in der Luft, etwa Winde und herabfallende Feuer, hervorrufen k\u00f6nnten, und zwar durch eigene Kraft, sofern es Gott nicht verhinderte (Lehmann 1925, S.115f).<\/p>\n<p>Katharina von Siena (1347-29.4.1380) war Dominikanerin, Patronin der Dominikaner wie der Stadt Siena, Sie darf heute \u201cKirchenlehrerin\u201d genannt werden. Als sie noch keine sechs Jahre alt war, hatte Katharina schon eine Christusvision \u00fcber der Dominikanerkirche und zeigte bald Zeichen \u201ch\u00f6herer Zust\u00e4nde\u201d. Sie schien die Treppen zu Hause nicht mehr auf- und abzusteigen, sondern zu fliegen \u2013 sp\u00e4ter soll sie in einer H\u00f6hle bis an die Decke gehoben worden sein (G\u00f6rres 1927, S.70). Ein andermal soll sie in ihrer Klosterzelle vor drei Zeugen levitiert haben, wie wir von ihrem Biographen Raimund von Capua erfahren (G\u00f6rres 1927, S.219).<\/p>\n<p>Nicht wegzudenken aus der Geister-Literatur ist die Geschichte, die von dem italienischen Renaissance-Philosophen Marsilio Ficino (19.10.1433-1.10.1499), \u00fcberliefert wird. Von dem Philosophen, der sich mit alexandrinisch-platonischen Gedanken, mit Magie und Theurgie, dem Bezwingen der G\u00f6tter durch Beten, und \u00e4hnlichen Themen befasst hatte, h\u00f6ren wir in Horsts <i>Deuteroskopie<\/i> (1830):<\/p>\n<p>Es ist das Gesicht, das Mercato sah, und wor\u00fcber sich Dr. Ferriar in seiner Theorie der Erscheinungen noch vor Kurzem also ge\u00e4u\u00dfert hat: Man hat sich verschiedentlich bem\u00fcht, die Glaubw\u00fcrdigkeit dieser Geschichte anzufechten, ich bin jedoch der Meinung, da\u00df sie niemals ersch\u00fcttert worden ist.<\/p>\n<p>Mercato hatte mit seinem Freunde, Marsilius Ficin [&#8230;] die Verabredung getroffen, da\u00df, wer zuerst von ihnen st\u00fcrbe, dem Anderen, wo m\u00f6glich, erscheinen und Nachrichten von Jenseits bringen sollte. Mercato sitzt einmal Morgens an seinem Schreibpulte, als er auf einmal pl\u00f6tzlich einen Reuter [Reiter] vorbei sprengen h\u00f6rt, der ihm unter seinem Fenster mit Ficin\u2019s wohlbekannter Stimme zuruft: O! Michael! Michael! diese Dinge sind wahr. Mercato fliegt an\u2019s Fenster, und hat nur gerade noch so viele Zeit, seinen Freund zu sehen, welcher schneeweis gekleidet, und auf einem fahlen Pferde sitzend, eben um eine Stra\u00dfenecke einbeugte und davon galoppirte.<\/p>\n<p>Wo nicht in demselben Augenblick, wie Baronius sagt, doch an demselben Tag und gewi\u00df auch um dieselbe Stunde, starb Ficin zu Florenz. Die\u00df hat seine historische Richtigkeit, die nicht in Zweifel gesetzt werden kann. (Horst 1830, Bd.1, S.147f.)<\/p>\n<p>Auch von dem politischen Schriftsteller Niccol\u00f2 Machiavelli (3.5.1469-22.6.1527) erfahren wir Erstaunliches. So hielt er es f\u00fcr durchaus m\u00f6glich, da\u00df die Luft voll von Geistern sei, und<i> <\/i>\u201cda\u00df sie durch ihre Anlagen die Dinge vorhersehen und in Folge ihres Mitleids mit den Menschen diese darauf aufmerksam machen\u201d k\u00f6nnten (Perty 1869, S. 157).<\/p>\n<p>Geronimo Cardano (24.9.1501-20.8.1576), ein Zeitgenosse von Georg &gt; Faust und &gt; Paracelsus, war Philosoph, Arzt, Mathematiker und Astrologe, doch vor allem kennzeichneten ihn Eigenschaften wie die F\u00e4higkeit, seinen K\u00f6roer zu verlassen, und in Tr\u00e4umen wichtige Ereignisse in seinem Leben, so auch seinen eigenen Tod, vorauszusehen. Die Hauptquelle seiner Trauminterpretation war Synesius\u2019 Traumbuch, zu dem er einen ausf\u00fchrlichen Kommentar verfasst hatte (Shepard 1991, S.256; Morley 1854). Er soll ausserdem seinen eigenen <i>spiritus familiaris<\/i> gehabt haben (Horst 1830, Bd.2, S.24). Cardano hat diverse Fachb\u00fccher geschrieben, u.a. <i>Ars Magna<\/i> (1545) und <i>De Subtilitate rerum<\/i> (1551).<\/p>\n<p>Der Dichter Torquato Tasso (11.3.1544-25.4.1595) pflegte eine geistige Gemeinschaft mit seinem Genius, von dem wir \u00fcber seinen Biografen Manso erfahren. Als Tasso einst Manso in Bisaccio besuchte, beteuerte er hoch und heilig, dass sein Genius keine Traum- oder Phantasiegestalt sei:<\/p>\n<p>Dieser Geist ist ein Geist der Wahrheit und des Verstandes, und zwar beides in so hohem Grade, da\u00df er mich \u00f6fter zu Wissenschaften erhebt, die \u00fcber alle meine Vernunft sind und mir doch zu klarsten Anschauungen gelangen. Er lehrt mich Dinge, die in meinen tiefsten Betrachtungen mir niemals in die Gedanken gekommen, und die ich auch niemals von einem Menschen geh\u00f6rt, oder in irgendeinem Buche gelesen. Er ist also etwas Wirkliches, er mag nun was immer f\u00fcr einer Ordnung angeh\u00f6ren; ich h\u00f6re ihn und sehe ihn, ob es gleich mir unm\u00f6glich ist, ihn zu beschreiben (G\u00f6rres 1927, S.389).<\/p>\n<p>Giambettista della Porta, eigentlich Johann Baptista Porta (1538-1615), aus Neapel, erregte mit seiner Schrift \u00fcber die \u201cnat\u00fcrliche Magie\u201d, <i>Magia naturalis<\/i> (1. Aufalge 1553, stark erweiterte Ausgabe 1589), grosses Aufsehen \u2013 sie wurde gleich in viele Sprachen \u00fcbersetzt. Sie basiert auf der schon von den Neuplatonikern angesprochenen und Agrippa zum allumfassenden Naturgesetz erhobenen Lehre von der \u201cSympathie und Antipathie der Dinge\u201d. Agrippas Gedanken wiederum flossen in die Heilkunde des Arztes Paracelsus ein. Portas <i>Magia naturalis<\/i> stellt nun diese schon alten Gedanken erstamlig als eigenst\u00e4ndige Wissenschaft vor. Das Werk enth\u00e4lt eine praktische Physik, in dem es zeigt, wie man Kunstst\u00fccke mit nat\u00fcrlichen Mitteln auff\u00fchren kann. Vor allem aber beschreibt Porta, wie scheinbare Zauberk\u00fcnste sich ganz nat\u00fcrlich erkl\u00e4ren lassen. Manche seiner Rezepturen wirken offenbar, andere sind nicht unbedingt nachvollziehbar, wie etwa das Rezept, nach dem man alle Menschen in einem Raum wie Eselk\u00f6pfe aussehen lassen k\u00f6nne, oder die Anleitung zum Schwarzf\u00e4rben von Kinderaugen: man reibe den Hinterkopf des Kindes mit einem \u00d6l ein, dem man die Asche eines Kreuzes untermische. Mit Hexensalben hat er offenbar eigene Experimente durchgef\u00fchrt und dabei herausgefunden, dass sie einen tiefen Schlaf hervorrufen, in dem die wunderlichsten Dinge geschehen. Porta hatte 1560 in Neapel eine <i>Gesellschaft zur Erforschung der Geheimnisse der Natur<\/i> ins Leben gerufen, die nach p\u00e4pstlichem Beschluss jedoch bald wieder aufgel\u00f6st werden musste. Die Mitglieder dieser Gesellschaft haben wohl bereits \u00fcber Kenntnisse von Hypnose und Suggestion verf\u00fcgt (Lehmann 1925, S.233f, 250f).<\/p>\n<p>Am verwunderlichsten unter all den geisterhaften Ph\u00e4nomenen, die Menschen widerfahren, ist wohl das Fliegen, das k\u00f6rperliche Abheben in der Levitation (s.o. Franz von Assisi, Katharina von Siena; s.u. Padre Pio), wie auch das Fliegen im Geiste, der Seelenflug (s.a. die Abbildung auf S.242, das Triptychon von Hieronymus Bosch). In der Mystik werden drei Stufen der Levitation unterschieden:<\/p>\n<p>1. ein leichtes Erhobenwerden \u00fcber den Boden,<\/p>\n<p>2. ein l\u00e4ngeres, schwebendes Laufen \u00fcber dem Boden (in der Ekstase wie bei Maria Magdalena von Pazzi) und<\/p>\n<p>3. das sehr seltene Fliegen.<\/p>\n<p>(nach Dinzelbacher 1989, S.321.)<\/p>\n<p>Immer aber bezieht sich Levitation auf das Abheben des K\u00f6rpers und unterscheidet sich dadurch streng von dem Abheben im Geiste, einer Astralreise und auch von Bilokation, die ein gleichzeitiges physisches Anwesendsein an zwei verschiedenen Orten meint. Eine Trennung von K\u00f6rper und Seele findet nicht bei der Levitation statt, worauf Katharina von Siena hinweist (<i>Libro<\/i> 79).<\/p>\n<p>Aus dem ungew\u00f6hnlichen Leben eines \u201cfliegenden Kapuziners\u201d &#8211; gemeint ist der hl. Joseph von Copertino (17.6.1603-18.9.1663) \u2013 erfahren wir von dessen Freund Arcangelo<i> <\/i>Rossi (Rossi 1767). Schon als F\u00fcnfj\u00e4hriger hatte der italienische Mystiker eine Wunderheilung am eigenen Leibe erlebt, woraufhin er spontan Franziskaner werden wollte. Doch seine Schulbildung reichte daf\u00fcr nicht aus, und statt dessen wurde er von den Kapuzinern aufgenommen, die ihn allerdings bald wieder als untauglich entlie\u00dfen, bis er endlich im Kapuzinerkonvent La Grotella aufgenommen wurde. Dort f\u00fchrte er ein strenges, eisernes Leben und erlebte bald intensive Ekstasen in Verbindung mit Levitationen, so etwa am 4.10.1630 in der Konventskirche \u2013 vor unz\u00e4hligen Augenzeugen. Die Vorf\u00e4lle h\u00e4uften sich und weckten nicht nur das Interesses seiner Zeitgenossen, sondern auch den \u00c4rger der Kirche. Man klagte ihn wegen geheuchelter Heiligkeit an. Am 28.11.1638 sollte er sich vor dem kirchlichen Tribunal verteidigen, doch dabei verfiel er erneut in tiefe Ekstase und hob vor den Augen aller Anwesenden ab. Nun wollte man ihn vor der \u00d6ffentlichkeit verbergen und durch die Kirche \u00fcberwachen lassen. Man versetzte ihn zun\u00e4chst nach Assisi, doch die Kette seiner Wunder, Levitationen und Prophezeiungen riss nicht ab, und er erregte nun die Aufmerksamkeit vieler ber\u00fchmter Pers\u00f6nlichkeiten wie etwa des Prinzen<i> <\/i>Johann<i> <\/i>Kasimir<i> <\/i>Waza und des Herzogs<i> <\/i>Johann<i> <\/i>Friedrich<i> <\/i>von<i> <\/i>Braunschweig-L\u00fcneburg. Das bedeutete nat\u00fcrlich eine weitere Versetzung, die diesmal Pietrarubbia hiess, wo er quasi das Leben eines Gefangenen f\u00fchren mu\u00dfte. Aber die Klostermauern konnten seinen Ruf von der Welt nicht fernhalten, und man entschied sich, ihn in das v\u00f6llig abgelegene Kloster von Fossombrone zu verlegen. Alexander VII. befreite ihn endlich aus dieser Gefangenschaft, und der fliegende Kapuzienr durfte so die letzten sechs Jahre seines Lebens als freier Mensch in Osimo verbringen. 1663 verstarb der Heilige \u2013 und nun traf ein, was er 7 Jahre zuvor vorausgesagt hatte: Er wurde in der Marienkapelle von Osimo beigesetzt.<\/p>\n<p><i>Neues Gespensterbuch<\/i> heisst eine Sammlung historischer Gespenstergeschichten, die der Dichter der \u201cgrauen Stadt am grauen Meer\u201d, Theodor Storm (14.9.1817-4.7.1888), zusammentragen, doch nicht mehr zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlichen konnte. Wir finden darin den Bericht \u00fcber einen seltsamen Vorfall im alten Venedig. Storm entnahm ihn einem englischen \u201cBlatte\u201d und betitelte ihn <i>Die schwarze Gestalt<\/i>:<\/p>\n<p>Es sind nun einige Jahre, da\u00df ein denkw\u00fcrdiges und seltsames Ereignis die Blicke von ganz Venedig auf sich zog. W\u00e4hrend des Karnevals erschien alle Abend gegen 8 Uhr ein Mann in sonderbarer Kleidung an der St. Markuskirche. Immer stand er auf Einer Stelle in der N\u00e4he der Pferde des Lysipp [\u00fcber dem Mittelportal der St. Markuskirche], und zu solch einer Zeit des allgemeinen Jubels, wo auf dem pr\u00e4chtigen Markusplatze viele tausend Menschen sich eingefunden hatten, konnte er der allgemeinen Aufmerksamkeit nicht entgehen. Ein weiter schwarzer Mantel verh\u00fcllte seine ganze Figur, sein Gesicht war mit einer schwarzen Maske bedeckt und auf dem Hute schwankte ein Federbusch von derselben Farbe. Aber seine Augen stachen aus diesem Dunkel umso m\u00e4chtiger hervor und hatten etwas so Furchtbares, da\u00df keines Menschen Blick ihr Anschauen ertragen konnte. Nur ganz langsam bewegten sie sich und blickten zuweilen einige Zeit so wunderlich und grauenvoll auf eine Stelle, wie solche, die ein pl\u00f6tzlicher Schreckenstod widernat\u00fcrlich aufgerissen hat. Und es war denjenigen, deren Blicke dann diesen Augen begegneten, schlechterdings unm\u00f6glich, sie wieder zu vergessen. Allein oder nicht, beim Mahl oder im Schlafe, die furchtbaren Augen standen immer vor ihrem Geiste. Sie f\u00fchlten sich von ihnen derma\u00dfen gebunden, wie, der Sage nach, die Tiere, welche die Klapperschlange sich zur Beute erkoren hat. Es war nat\u00fcrlich, da\u00df diese Person bald allenthalben ein Gegenstand der Unterhaltung wurde. Die meisten vermuteten unter der unheimlichen Maske einen Fremden von hohem Range, andre hielten ihn f\u00fcr einen politischen Kundschafter. Darin kamen \u00fcbrigens alle \u00fcberein, da\u00df sein Erscheinen viel Unerfreuliches und Au\u00dferordentliches hatte. Endlich erregte die Sache auch die Aufmerksamkeit der in Venedig bekanntlich sehr wachsamen Polizei. Aber Niemand wu\u00dfte, wo die Person wohnte, und mit wem sie umging, auch hatte noch kein Mensch sie zu andrer Zeit und an einem andern Orte gesehen. Wie durch stillschweigende \u00dcbereinkunft wurde daher der Platz gar bald von aller Welt vermieden. Gleichwohl gab es, wie immer, auch hier einige, die dreist genug waren, sich der Gestalt zu nahen. Diese vernahmen von Zeit zu Zeit in tiefem Tone die Worte: Vengenza dal fepolero [offenbar Verschreibung f\u00fcr ital.\/span. \u201cVenganza dal sepolcro!\u201d Rache des Grabes]! \u2013 Endlich glaubte man ziemlich allgemein, da\u00df die grauenerregende Gestalt ein Wahnsinniger sein m\u00fcsse. Neuere Gegest\u00e4nde nahmen die Aufmerksamkeit des Volkes in Anspruch und bald sprach kein Mensch mehr von dem Fremden an der St. Markuskirche.<\/p>\n<p>Einmal Nachmittags sa\u00df Constanze, die Tochter des Marchese Rinaldini, ein Fr\u00e4ulein, in dem die bl\u00fchendste Jugend mit der lautersten Unschuld sich vereinte, allein im Zimmer.<\/p>\n<p>Au\u00dferordentlich angezogen von dem Buche, worin sie las, hatte sie alles andre dar\u00fcber vergessen. Da f\u00e4llt pl\u00f6tzlich ein Schatten auf das Buch; sie blickt empor und staunt und erschrickt nicht wenig, als ein langer, ganz in Schwarz gekleideter Mann mit ernster, gebietender Miene, wenig Schritte nur von ihr steht.<\/p>\n<p>Bald aber fa\u00dfte sie sich wenigstens so weit, um ihn zu fragen, wer er sei und wen er suche.<\/p>\n<p>Nach einer sehr unheimlichen Pause antwortet endlich der Unbekannte in tiefem Tone: &gt;Den Rinaldini!&lt;<\/p>\n<p>&gt;Mein Vater&lt;, versetzte hierauf Constanze, &gt;ist schon seit einiger Zeit von hier abwesend und ich finde es sehr auffallend, da\u00df Sie \u2013 &#8211; &lt;<\/p>\n<p>&gt;Wenn er zur\u00fcckkehrt&lt;, unterbrach sie der Fremde, &gt;so sage ihm, Torralva erwarte ihn den 27sten dieses (Monats) um Mitternacht an der Kirche des heiligen Markus.&lt;<\/p>\n<p>Bei der Anrede von einer so seltsamen Gestalt, mit Grauen erregender Stimme, hatten Constanzens Augen sich unwillk\u00fcrlich abgewendet und als sie darauf, um zu antworten, mit Anstrengung empor blickte, so war Niemand mehr im Zimmer. Nach wiedergewonnener Fassung vom ersten Schrecke, rief sie in den Vorsaal den Dienstleuten und verwies es ihnen, da\u00df sie einen Unbekannten, zumal eine Maske von so furchterregendem Ansehen, ungemeldet herein gelassen hatten, aber die erstaunten Diener behaupteten, da\u00df durch den Vorsaal kein Mensch gegangen sei. Constanze wurde hiervon noch unruhiger, hielt es aber doch f\u00fcr ratsam das Gespr\u00e4ch abzubrechen, schickte die Leute wieder fort und versank in ein d\u00fcsteres Nachsinnen \u00fcber das eben erlebte geheimnisvolle Abenteuer. Das Haus Rinaldini geh\u00f6rte zu den \u00e4ltesten Geschlechtern des venetianischen Adels. Der Marchese war zweimal verheiratet gewesen; zuerst mit einer edeln Venetianerin, aus welcher Verbindung die reizende Constanze herr\u00fchrte. Von der zweiten Gemahlin wu\u00dfte man wenig. W\u00e4hrend seine Tochter noch im Kloster erzogen wurde, hatte er einige Monate in Neapel zugebracht, sich hier in eine sch\u00f6ne Spanierin verliebt, diese dann geheiratet und nachher mit nach Venedig zur\u00fcckgenommen. Man wollte wissen, da\u00df sie vor ihrer Bekanntschaft mit dem Marchese die Verlobte eines jungen spanischen Cavaliers aus vornehmen Hause, auch letzterm sehr zugetan gewesen. Allein nach dem Antrage des Marchese, welchem ihre Familie den Vorzug gegeben, habe man sie zur Heirat mit diesem gen\u00f6tigt, worauf ihr erster Liebhaber verschwunden sei. Man glaubte ziemlich allgemein, da\u00df der junge Spanier aus Verzweiflung \u00fcber den Sieg seines Nebenbuhlers, Kriegsdienste genommen und sich nach Westindien eingeschifft, wo das Klima oder auch wohl der Krieg selbst, ein Leben geendet, das mit der Geliebten f\u00fcr seinen Eigent\u00fcmer allen Wert verloren hatte. \u2013 Es gab aber auch Menschen, die des Marchese leidenschaftlichen und wilden Charakter und manche andere Umst\u00e4nde dieser Geschichte kennend, das Verschwinden jenes Spaniers in einem dem Venetianer weit ung\u00fcnstigerem Lichte betrachteten.<\/p>\n<p>So viel war wenigstens gewi\u00df, da\u00df Isabella, obschon von ihrem Gemahl angebetet, und mit allem umgeben, was Glanz und Mode nur erheischen k\u00f6nnen, keinesweges gl\u00fccklich zu sein schien. Die feinste, geistreichste Artigkeit war nicht im Stande, der au\u00dferordentlich reizenden Frau auch nur ein L\u00e4cheln abzugewinnen. Ihre wundersch\u00f6nen Augen schm\u00fcckte nie der Sonnenstrahl der Freude, nie der noch s\u00fc\u00dfere Mondenschimmer des Gef\u00fchls. Sie war einem wohlgeordneten und reichverzierten Tempel zu vergleichen, den seine Gottheit f\u00fcr immer verlassen hat.<\/p>\n<p>Des Marchese Leidenschaft f\u00fcr sie verminderte sich immer mehr, da sein gl\u00fchendster Wunsch, einen Sohn von ihr zu erhalten, unerf\u00fcllt blieb, und Isabellens Sch\u00f6nheit schien sich dem Grabe zuzuneigen. Ihr Tod erfolgte jetzt pl\u00f6tzlich und obschon eine lange Unp\u00e4\u00dflichkeit vorhergegangen, schneller, als man ihn erwartet. Die mit m\u00f6glichstem Glanze veranstaltete Beisetzung der ungl\u00fccklichen Isabella hatte wenig Monate vor dem erw\u00e4hnten Ereignisse im einsamen Zimmer Constanzes stattgefunden.<\/p>\n<p>Am Abend jenes Tages stand Constanze an einem Fenster ihres Zimmers, verloren in das Anschauen des Mondes und dessen zitternden Glanz in den Wellen. Da trat pl\u00f6tzlich der Marchese Rinaldini zu ihr herein. Constanze h\u00fcpfte ihrem Vater entgegen; aber sich in ein Sopha werfend, merkte er nur wenig auf ihr freundliches Willkommen. Sie erschrak um so mehr \u00fcber die heftige Bewegung, die sie an ihm wahrnahm, da das Mondlicht gerade auf sein Gesicht fiel, und so die ungew\u00f6hnliche Bl\u00e4sse desselben ihr nicht entgehen konnte. &gt;Es ist nichts!&lt; sprach er leise zu sich selbst. &gt;Nichts ist\u2019s! Und doch ist\u2019s wahr, da\u00df mir diese Stimme ohne Aufh\u00f6ren in mein Ohr schallt!&lt;<\/p>\n<p>Schon einige Jahre her war der Marchese gewissen Anf\u00e4llen von Schwermut unterworfen. Seit dem Tode seiner Gemahlin kehrten sie st\u00e4rker und \u00f6fter als zuvor zur\u00fcck. Constanze schrieb sie seinem Schmerze \u00fcber ihren Verlust zu, suchte ihn daher auch jetzt durch allerlei Gespr\u00e4che \u00fcber andre Dinge dem Gegenstande abzuwenden und brachte endlich die Rede auf den unerfreulichen Besuch, den sie gehabt hatte.<\/p>\n<p>&gt;Torralva?&lt; schrie der Marchese und schien kaum noch von der Gegenwart seiner Tochter zu wissen. &gt;Torralva! Der Name klingt immer in meinen Ohren. Ich will hin, ich will ihn aufsuchen. Er ist ja aber nicht mehr!&lt; &#8211;<\/p>\n<p>In demselben Augenblicke ert\u00f6nten ganz leise die Worte durch das Zimmer: &gt;Kann auch der Geist begraben werden mit dem K\u00f6rper?&lt; Und augenblicklich fiel der Marchese bewu\u00dftlos zu Boden. Auf das Angstgeschrei des tiefersch\u00fctterten Fr\u00e4uleins eilten Diener herbei. Aber sie sahen und h\u00f6rten nichts, als den wieder zu sich gekommenen Marchese und dessen Tochter.<\/p>\n<p>Von diesem Tage bis zu dem, welchen der Unbekannte ihrer Zusammenkunft bestimmt hatte, schien der Hausherr stets in tr\u00fcbe, d\u00fcstere Betrachtungen verloren. Ahnungsvoll f\u00fcrchtete die Tochter sein Aufsuchen des geheimnisvollen Fremden au\u00dferordentlich. Gleichwohl fehlte ihr der Mut, das Gespr\u00e4ch auf einen Gegenstand zur\u00fcckzuf\u00fchren, der ihren Vater sichtbar in den peinlichsten Zustand versetzt hatte. Um indessen ihn, so viel m\u00f6glich, sicherzustellen vor Gefahr, zog sie einen alten, mit den meisten Angelegenheiten des Hauses vertrauten Diener in das Geheimnis und gab ihm auf, seinem Herrn, wenn er jenen Gang tun w\u00fcrde, in einiger Entfernung, mit Waffen versehen, zu folgen.<\/p>\n<p>Die dazu festgesetzte Nacht erschien. Constanze sah mit Grauen den Vater hinwegeilen und den bewaffneten Diener ihm nachgehen. In immer wachsender Sorge und Pein erwartete sie die R\u00fcckkehr noch, als schon der Morgen anbrach. Vergebens. Man fand den Marchese leblos (in der Kirche) an dem prachtvollen Monumente seiner zweiten Gemahlin liegen. Wunden hatte er keine, doch schien er unter heftigen Convulsionen [Sch\u00fcttelkr\u00e4mpfen] verschieden zu sein.<\/p>\n<p>Die tiefbetr\u00fcbte Constanze lie\u00df es nicht fehlen an den genauesten Nachforschungen nach dem geheimnisvollen Unbekannten. Umsonst! Niemand hat ihn wiedergesehn. Die Geistlichen, welchen den Leichnam zuerst erblickten, als sie zum Fr\u00fch-Gottesdienst nach der Kirche gingen, fanden alle T\u00fcren verschlossen, wie sie solche in der Nacht verlassen.<\/p>\n<p>Der Diener hatte \u00fcbrigens, so weit es in seiner Macht gestanden, den Befehl seiner Herrin erf\u00fcllt. Er sah den Marchese, wie dieser von einem langen, ganz schwarz gekleideten Manne auf dem bemerkten Platze angeredet wurde. Allein sie verloren sich miteinander so schnell aus dem Mondlicht in die Schatten der Geb\u00e4ude, da\u00df, wie rasch der Diener auch nacheilte, er ihre Spur nicht wiederfinden konnte. So still die Nacht war, so vernahm er doch einmal, oder glaubte wohl nur, ein Angstgeschrei zu vernehmen. Denn er konnte leicht in der heftigen Bewegung seines Herzens das Pfeifen des Nachtwindes, der \u00fcber einen fernen Kanal hinrauschte, f\u00e4lschlich f\u00fcr Angstgeschrei gehalten haben. Das ist indessen alles, was von dem so seltsamen Ereignisse bekannt worden. (Storm 1991, Nr.30, S.88-94; der Text wird mit freundlicher Genehmigung des Insel-Verlags wiedergegeben.)<i>&nbsp;<\/i><\/p>\n<p>Wir n\u00e4hern uns der Gegenwart, d.h. der Zeit der neueren Forschung auf dem Gebiet dieser wohl doch recht nat\u00fcrlichen \u2013 da weit verbreiteten \u2013 \u201c\u00fcbernat\u00fcrlichen\u201d Ph\u00e4nomene. Cesare Lombroso (18.111836-19.10.1909) aus Verona war erst Professor f\u00fcr Psychiatrie in Pavia, dann f\u00fcr Forensische Medizin und Psychiatrie in Turin und schliesslich ebenso f\u00fcr Kriminalanthropologie. Einer Einladung des Arztes Chiaia im M\u00e4rz 1891 folgend nahm er zun\u00e4chst an zwei Sitzungen mit dem Medium Eusapia Palladino teil und liess sich nach anf\u00e4nglich skeptischer Haltung gegen\u00fcber den Ph\u00e4nomenen von deren Echtheit \u00fcberzeugen. Seine \u00e4usserst kritische Einstellung gegen\u00fcber der Annahme von einem &gt; Leben nach dem Tod wandelte sich ebenso im Laufe seines Lebens radikal, und er hielt am Ende sogar eine Kommunkation zwischen Lebenden und Verstorbenen f\u00fcr m\u00f6glich. Seine letzten Worte lauteten wohl: \u201cWas soll denn anderes hinter den Erscheinungen des Okkultismus stehen als die Bewohnerscharen einer jenseitigen Welt?\u201d (Bonin 1981, S.307). Seine Erfahrungen und Erkenntnisse vom Fortleben der Seele fasste er in seinem Buch <i>After Death \u2013 What?<\/i> (1909) zusammen.<\/p>\n<p>Einen ganz entscheidenden Beitrag zu der Forschung auf dem Gebiet der Geistererscheinungen hat Prof. Ernesto Bozzano (1862-1943) geleistet, hat er doch an die 25 B\u00fccher verfasst, von denen leider nur einige wenige ins Englische, Deutsche oder Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt wurden, so jedoch sein Klassiker <i>Die Spukph\u00e4nomene<\/i> (1930) (<i>Dei Fenomeni d\u2019Infestazione<\/i>, 1919), das sehr wertvolle und einzigartige Buch <i>\u00dcbernat\u00fcrliche Ph\u00e4nomene bei den Naturv\u00f6lkern<\/i> (Freiburg 1989) (<i>Delle manifestazioni supernormali tra i populi selvaggi<\/i>, 1925) (s.a. Shepard, Bd.1 1991, S.214f) und sein bedeutendes Werk <i>Discarnate Influence in Human Life<\/i> (1938), in dem sich ein ganzes Kapitel \u00fcber Bilokation befindet. Sehr wichtig und bisher un\u00fcbersetzt blieb auch sein Buch \u00fcber die Erscheinungen Verstorbener am Sterbebett: <i>Delle Aparrizioni di defunti al letto di morte<\/i> (2. erweiterte Aufl. 1930).<\/p>\n<p>In seinem Buch \u00fcber Spuk untersucht er 532 hinreichend beglaubigte Spukf\u00e4lle und wertet sie statistisch aus. Davon beziehen sich 491 F\u00e4lle auf spukbefallene H\u00e4user oder Zimmer und 41 auf spukhafte Gegenden. In fast allen F\u00e4llen machte er Geister verstorbener Menschen f\u00fcr die Ph\u00e4nomene verantwortlich, nur in wenigen Ausnahmen Lebende. Mit der \u00e4ltesten Deutung des Spuks als Folge tragischer Eereignisse lassen sich 180 der 532 von ihm untersuchten F\u00e4lle verstehen. In weiteren 27 F\u00e4llen sind zwar keine Dokumente mehr vorhanden, doch wurden statt dessen Reste von Skeletten, von Menschen, die am Spukort bestattet oder eingemauert wurden, gefunden. So best\u00e4tigt Bozzano die alte These von der urs\u00e4chlichen Verkn\u00fcpfung des Spuks mit tragischen Todesf\u00e4llen (Bozzano 1930, S.7f).<\/p>\n<p>Francesco Forgione aus Pietralcino wurde bekannt als Padre Pio, auch Pater Pio (25.5.1887-23.9.1968). Seit seiner Krankheit, die ihn 1911 in Venafro befiel und einige Zeit ans Bett fesselte, werden von dem Kapuziner aussergew\u00f6hnliche Ph\u00e4nomene berichtet. Seit 1918 \u2013 er ist nun seit zwei Jahren im Kloster San Giovanni Rotondo in der N\u00e4he von Foggia \u2013 hatte er bald 50 Jahre lang Stigamata an H\u00e4nden und F\u00fcssen, doch vor allem wird von ihm auch Bilokation und das Durchdringen einer Mauer berichtet (Bonin 1981, S.84f).<\/p>\n<p>Ein 24j\u00e4hriger Mann aus Viareggio hatte im Jahr einen Unfall bei seiner Arbeit, bei dem seine Wirbels\u00e4ule schwer verletzt wurde und anschliessend eine Atrophie des Kreuzbeins auftrat. er musste in Zukunft ein Korsett tragen und war nicht mehr vollst\u00e4ndig einsatzf\u00e4hig. Zehn Jahre sp\u00e4ter, 1950, brach er endg\u00fcltig zusammen. Nun war er vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmt und hatte eine An\u00e4sthesie der Beine. Nach einem Jahr Arbeitsausfall drohte seine Entlassung. Es war der 17. M\u00e4rz, als seine Frau ein Buch von Padre Pio mit nach Hause brachte. Der Kranke hatte Zeit seines Lebens keinerlei Ambitionen in Richtung Religion gezeigt und warf nur widerwillig einen Blick in das nagelneue Buch. Er legte es dann beiseite und sagte nur nebenbei: \u201cWenn Du schon so viele Wunder gewirkt hast, dann hilf doch auch mir.\u201d<\/p>\n<p>Wie gesagt, so geschehen \u2013 Im selben Moment \u00f6ffnete sich vor seinen erstaunten Augen die T\u00fcr, und hinein trat ein Kapuziner mit Kutte, kam langsam auf ihn zu und sagte: \u201cSteh auf, dir fehlt nichts mehr!\u201d (Frei nach Stelter 1973, S.94; zusammengefasst von A. Puhle.)<\/p>\n<p>Der 1999 in Rom selig und am 16. Juni 2002 heilig gesprochene Pater soll auch noch nach seinem Tod wundersame Heilungen vollbringen \u2013 ein Beispiel ist der siebenj\u00e4hrige Matteo Pio Colella, der im Jahr 2002 an einer scheinbar aussichtslosen septischen Hirnhautentz\u00fcndung litt und dann wieder gesundete.<\/p>\n<p>Beenden wir unsere Italienreise mit einem Hinweis auf den Psychologen und Theologen Prof. Dr.Dr. Pater Andreas Resch, der bis vor wenigen Jahren an der p\u00e4pstlichen Lateran-Universit\u00e4t in Rom lehrte, wozu am Rande auch die Geister-Thematik geh\u00f6rte. Heute leitet Pater Resch das 1953 von ihm gegr\u00fcndete <i>Institut f\u00fcr Grenzgebiete der Wissenschaft<\/i> in Innsbruck, \u00d6sterreich. Sein wichtigster Beitrag zum Thema \u201cLeben nach dem Tod\u201d ist sein k\u00fcrzlich erschienenes Buch <i>Fortleben<\/i> (2004).<\/p>\n<p>Die sch\u00f6nsten Seiten des Christentums \u2013 was seine \u00e4sthetische Seite betrifft -, die ein der geistigen Welt ge\u00f6ffenter Mensch wahrnehmen kann, haben sich zweifellos in Italien entfaltet, in der Bildhauerkunst wie in der Malerei. Die Italiener sind die Meister der Engeldarstellungen. Hier wurden besonders in der ersten H\u00e4lfte des zweiten Jahrtausends viele aussergew\u00f6hnliche Maler geboren, die mit der h\u00f6heren geistigen Welt im Bunde gewesen sein m\u00fcssen \u2013 wie sonst h\u00e4tten sie solche Wunderwerke vollbringen k\u00f6nnen? Zu ihnen geh\u00f6ren Simone Martini (1284- Juli 1344), Fra Angelico (1387-1455), Masaccio (21.12.1401-vor dem 20.12.1429), Andrea Mantegna (1431-1506), Melozzo da Forli (1438-1494), Sandro Botticelli (um 1445-1510), Leonardo da Vinci (15.4.1452-2.5.1519), Filippino Lippi (um 1457\/8-1504), Michelangelo (6.3.1475-18.2.1564), Lorenzo Lotto (ca.1480- nach dem 1.9.1556) und Sanzio Raffael (wahrscheinlich 6.4.1483-6.4.1520), um nur einige K\u00fcnstler zu nennen (s. Farbtafel II).<\/p>\n<p>\u201c<i>Und dieses Ungeheure wirkt ganz ruhig auf uns ein,<\/i><\/p>\n<p><i>wenn wir in Rom hin und her eilen, um zu den h\u00f6chsten Gegenst\u00e4nden zu gelangen.<\/i>\u201d<\/p>\n<p>(Goethe, <i>Italienische Reise<\/i>, 7. November 1786. MA, Bd.15, S.152)<\/p>\n<p>Abbildung 2: (Bild-Nr.247, beim Verlag; bitte keinen Ausschnitt, sondern den ganzen Engel nehmen): Filippino Lippi (um 1457\/8-1504): Annunciation. Galeria dell\u2019 Accademis, Florenz<\/p>\n<p>\u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af \u00af<\/p>\n<p align=\"right\">G\u00f6teborg und Berlin, 25.2.2005, Annekatrin Puhle<\/p>\n<p>&nbsp;<strong>Erg\u00e4nzungen zu der Literatur im Lexikon<\/strong><\/p>\n<p>Cordier, Umberto (1999): Guida ai luoghi miraculosi d\u2019Italia. Casale Monferrato: Edizione Piemme Spa.<\/p>\n<p>Lombroso, Cesare (1909)<i>After Death \u2013 What?<\/i> London: T.F. Unwin.<\/p>\n<p>Morley, H. (1854): Jerome Cardan. London.<\/p>\n<p>Plotin (1956-1971): Plotins Schriften, 6 Bde., \u00fcbersetzt von Richard Harder, Hamburg: Felix Meiner, 1956.<\/p>\n<p>Resch, Andreas (2004): Fortleben. Innsbruck: Resch Verlag, 2004.<\/p>\n<p>Rossi, A. (1767): Compendio della vita virt\u00f9 e miracoli di S. Giuseppe da Copertino. R.<\/p>\n<p>Seneca (1953): Ad Lucilium epistulae morales. 3 Bde. London: William Heinemann LTD.<\/p>\n<p>Stelter, a. (1973): Psi-Heilung. Bern, M\u00fcnchen, Wien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Adressen und Homepages von Archiven, Gesellschaften und Zentren in Italien<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Archivio di Documentazione Storica della Ricerca Psichica c\/o Biblioteca Bozzano-DeBoni<\/p>\n<p>Via Marconi 8<\/p>\n<p>I \u2013 40122 Bologna<\/p>\n<p>E-Mail: fbibbdb@iperbole.bologna.it<\/p>\n<p>http:\/\/www@comune.bologna.it\/bologna\/fbibbdb\/<\/p>\n<p>Direktor: Silvio Ravaldini<\/p>\n<p>Publikation: <i>Luce e ombra<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Associazione Italiana scientifica di metapsichica<\/p>\n<p>Via San Vittore 19<\/p>\n<p>I \u2013 20123 Milano<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Associazione Italiana Studi del Paranormale<\/p>\n<p>Via Puggia 47<\/p>\n<p>I \u2013 16131 Genoa<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Centro Italiano di Parapsicologia<\/p>\n<p>Via Poggio de Mari 16<\/p>\n<p>I \u2013 80129 Napoli<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Centro studi ricerche sulla psicofisiologia degli stati di coscienzia<\/p>\n<p>Via Villoresi 5<\/p>\n<p>I \u2013 20143 Milano<\/p>\n<p>Tel.: +39-2-836 06 90<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Societa Italiana de Parapsicologia (Italien Association for Parapsychology)<\/p>\n<p>Via dei Monteverdi 7<\/p>\n<p>I \u2013 00186 Roma<\/p>\n<p>Publikation: <i>Metapsichica<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Centro Studi Parapsicologi, Bologna (Centre for Parapsychological Studies, Bologna)<\/p>\n<p>Via Valeriani 39<\/p>\n<p>I \u2013 40134 Bologna<\/p>\n<p>Tel.: +39 051 614 31 04 (051) 411-885<\/p>\n<p>Fax: +39 051 614 31 04<\/p>\n<p>E-Mail: centrsp@iperbole.bologna.it<\/p>\n<p>http:\/\/www.comune.bologna.it\/iperbole\/centrsp\/<\/p>\n<p>Direktor: Dr. Piero Cassoli<\/p>\n<p>Publikation: <i>Quaderni di Parapsicologia<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Quellen f\u00fcr Parapsychologie \u00fcber die Homepage von Sergio Frasca, Universit\u00e4t La Sapienza, Rom:<\/p>\n<p>www.roma1.infn.it\/rog\/group\/frasca\/b\/parap.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annekatrin Puhle:&nbsp;Italiens Geister (Deutsche \u00dcbersetzung des Vorwortes zur italienischen Ausgabe des Buches: &#8220;Das Lexikon der Geister&#8221;) In: Grenzgebiete der Wissenschaft, 57 \u2013 2008 -1, S. 53-75 Innsbruck: Resch (Deutsche Fassung von \u201cPremessa all\u2019 edizione italia: Gli Spiriti D\u2019Italia\u201d in der italienischen Ausgabe von Annekatrin Puhles Buch \u201cDas Lexikon der Geister\u201d: Il Libro degli Spirit. 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